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Wir haben eine sehr starke Gewohnheit, an der bedingten Welt
festzuhalten. Daher ist es notwendig, Klarheit über die Merkmale der materiellen Welt und über die
Merkmale des Geistes zu bekommen. Dann erst kann man verstehen, dass der Geist kein Ding ist, und
wie Materie und Geist miteinander zusammenhängen. Dies ist zunächst eine logische Untersuchung, die
durch Meditation in eigene Erfahrung umgesetzt werden sollte.
Dinge bzw. Materie haben die Merkmale, unbelebt und
substanziell zu sein. Geist dagegen hat die Merkmale, bewusst und klar zu sein. Der Geist kann
wissen, erleben und erkennen, ohne die einzelnen Momente des Erlebens zu vermischen. Er hat weder
Farbe noch Gewicht noch Maß noch irgendetwas Substanzielles. Auf der allgemeinen Ebene der
Konvention muss klar zwischen der belebten und der unbelebten Welt unterschieden werden. Zur
belebten Welt gehören alle Lebewesen, wie z.B. Menschen und Tiere. Zur unbelebten Welt gehören
Pflanzen und Steine, die keine Eigenbewusstheit, kein Erleben besitzen. Pflanzen reagieren zwar auf
physikalische, chemische oder magnetische Reize, aber sie sind sich dessen nicht bewusst. Sonst
würde man jedes Mal, wenn man einen Blumenstrauß pflückt, viele Lebewesen töten. Das ist nicht der
Fall.
Nach den Erklärungen Buddhas über das abhängige Entstehen der
Dinge gibt es immer direkte Ursachen, die zu entsprechenden Wirkungen führen. Des Weiteren sind
beeinflussende oder mitwirkende Bedingungen indirekt beteiligt. In der äußeren Welt entsteht z.B.
aus einem Samen ein Sprössling, und die mitwirkenden Bedingungen in diesem Prozess sind die fünf
Elemente von Erde, Wasser, Feuer oder Wärme, Luft und Raum. So ist es auch mit unserer Person: Die
direkten Ursachen sind die einzelnen Bewusstseinsmomente in unserem Geist. Diese bilden eine
unaufhörliche Kette (Geiststrom) durch diesen Tag, das ganze Leben, den Zwischenzustand (zwischen
Tod und Wiedergeburt) sowie alle folgenden Leben hindurch. Die mitwirkenden Bedingungen sind die
Elemente, aus denen unser Körper zusammengesetzt ist. Die Festigkeit im Körper ist das Erdelement,
die Flüssigkeiten sind das Wasserelement, die Wärme ist das Feuerelement, die Atmung ist das
Windelement, der Platz für die Organe ist das Raumelement.
Das Bewusstsein durchdringt den Körper, wobei Name und Form
(siehe auch Die Fünf Ansammlungen) oder Geist und Körper zusammenkommen. Untersucht man nun
irgendeinen materiellen Teil des Menschen, so befindet man sich im Bereich der mitwirkenden
Bedingungen. Ob das nun das Erbmaterial der Eltern ist, mit dem sich der Geist bei der Empfängnis
verbindet, oder ob das Gehirn als Instrument für den Geist dient, immer geht es um die Bedingungen
für unsere Existenz. Diese sind zwar wichtig, man darf sie aber trotzdem nicht mit den eigentlichen
Ursachen verwechseln, nämlich mit dem Strom des bewussten und klaren Erlebens, unserem
Geist.
Nun gilt diese Einteilung in die belebte und unbelebte Welt,
in Geist und Körper, nur auf allgemeiner Ebene, solange man die Natur des Geistes und damit auch
die Natur der Dinge nicht erkannt hat. Der Buddha lehrt, dass es keine objektive, d.h. für sich
unabhängig existierende Welt gibt, denn niemand wüsste davon. Man kann nur von einem Objekt im
Verhältnis zu einem Subjekt sprechen. Das, was erlebt wird, ist immer abhängig von einem Erleber,
dem wahrnehmenden Geist.
Die Merkmale von Materie und Geist sind völlig
entgegengesetzt. Somit können sie auch kein Ursache-Wirkungs-Verhältnis miteinander haben, denn
Ursache und Wirkung müssen immer von der gleichen Art sein. Aus einem Reissamen kann auch nur Reis
entstehen und nicht Gerste. Daraus folgt, dass entweder alles Materie sein muss oder alles Geist,
damit überhaupt eine Verbindung zwischen ihnen stattfinden kann. Wenn alles Materie wäre (was die
Materialisten glauben), würden die Merkmale für Geist, vor allem Erleben und Erkenntnis, nicht
vorkommen. Weil wir aber die Dinge erleben, gibt es nur die zweite Möglichkeit: Der Geist muss die
Grundlage für alles sein.
Aus Gewohnheit erscheint uns Materie als unterschiedlich vom
Geist. Tatsächlich
ist jedoch Materie nur eine Projektion unseres Geistes. Wir glauben, dass da etwas unabhängig
existieren würde, was eigentlich das freie Spiel unseres Geistes ist. Wir halten gerade jetzt die
Projektion des Tages für wirklich, und in der Nacht geben wir unseren Träumen dieselbe
Wirklichkeit. Die Eindrücke im Spiegel des Geistes ändern sich die ganze Zeit. Da sie sich ändern,
haben sie jedoch keine unabhängige Existenz. Der Geist als Grundlage unserer Welt ist im Gegensatz
dazu nicht vergänglich, der Erleber hinter den Bildern ist kein Ding und kann daher niemals
verloren gehen oder Schaden erleiden. Man kann völlig furchtlos sein, denn seine Natur ist wie der
Raum.
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