|
Im Mittelpunkt des Großen Weges steht der Erleuchtungsgeist
(skt.: bodhicitta), der Wunsch, zum Wohle aller Wesen die Erleuchtung zu erreichen. Diese
Einstellung beruht auf der Einsicht, dass – objektiv betrachtet – kein überzeugender Grund zu
finden ist, warum das eigene Glück bedeutender wäre als das Glück anderer Wesen. Im Gegenteil, man
ist ja selbst nur eine einzelne Person, während zahllose andere Wesen ebenfalls Glück erlangen
wollen. Erkennt man im Verlauf des buddhistischen Weges die Natur des eigenen Geistes mehr und
mehr, so entfalten sich das Mitgefühl und die Fähigkeiten, anderen zu helfen, ganz natürlich. Diese
Einstellung macht sowohl die Meditationspraxis als auch das Handeln im Alltag sehr kraftvoll. Jede
Tat wird zur Handlung eines Bodhisattvas („Held
des Erleuchtungsgeistes“) und damit zu einem Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung.
Der Erleuchtungsgeist des Strebens bezieht sich darauf, dass
man sich geistig auf die Erleuchtung ausrichtet und den einmal gefassten Entschluss nicht wieder
vergisst, sondern darauf achtet, kein Lebewesen aus dem eigenen Geist auszuschließen. Man versucht,
jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um diese innere Haltung zu stärken. Beim
Erleuchtungsgeist der Anwendung geht es darum, dass sich diese Einstellung auch im konkreten
Handeln, verdeutlicht an den Befreienden Handlungen (skt.: paramitas), ausdrückt. Wird diese
mitfühlende Aktivität mit der Einsicht verbunden, dass Erleber, Erlebtes und Erleben – Subjekt,
Objekt und Tat – nicht von einander zu trennen und Teile einer Ganzheit sind, dann wird jede
Handlung in sich selbst befreiend.
Durch diese Verbindung von tatkräftigem Mitgefühl und
überpersönlicher Weisheit wandelt sich der bewusst hervorgebrachte, bedingte Erleuchtungsgeist mehr
und mehr in den letztendlichen Erleuchtungsgeist. Weisheit und Mitgefühl sind so natürlich
geworden, dass jede Tat spontan und ohne die Vorstellung „ich tue etwas mit dir oder für dich“
entsteht und zum Wohle anderer Wesen beiträgt.
Mitgefühl muss jedoch von Mitleid unterschieden werden. Leiden
auch wir, wenn andere in Schwierigkeiten sind, dann berauben wir uns aller Möglichkeiten. Nur aus
einer Lage der Kraft, des Überschusses und der Einsicht heraus, können wir anderen wirklich
sinnvoll helfen.
|