|
Zur Zeit der Geburt des historischen Buddhas Siddharta Gautama
Shakyamuni war Indien eine blühende Hochkultur. Es herrschte große geistige Offenheit –
vergleichbar mit der Renaissance und dem Aufbruch in den 1960er Jahren. Verschiedenste
philosophische Schulen und Sichtweisen blühten gleichzeitig, und alte Lehren und die spirituelle
Autorität der Brahmanen wurden in Frage gestellt.
Die Menschen erwarteten, dass eine Lehre ganzheitlich war; sie
hatten den Anspruch, dass eine Weltanschauung das Leben bis ins Kleinste durchdringen sollte. Die
Belehrungen mussten eine Grundlage haben, klare Methoden besitzen und ein erreichbares Ziel
aufweisen. Mit Behauptungen ging man sehr achtsam um: Denn sobald jemand eine Anschauung vertrat,
die ein anderer widerlegen konnte, wurde er dessen Schüler – so verlangte es die geistige
Ehrlichkeit jener Zeit.
Buddha wurde um 560 v.Chr. (neuerdings wird - basierend auf
der "kurzen Chronologie" - ca. 460 v. Chr. als wahrscheinlicherer Geburtszeitpunkt betrachtet) als
Sohn einer Fürstenfamilie am Südrand des heutigen Nepal nahe der damaligen Stadt Kapilavastu
geboren. Die Familie gehörte zum Geschlecht der Shakyas und zur Linie der Gautamas, woher sein Name
Siddhartha Gautama Shakyamuni kommt.
Seine Geburt an einem Vollmondtag im Mai war von besonderen
Zeichen begleitet, und seine Eltern erhielten folgende Prophezeiung: „Wenn der Junge nicht mit den
Leiden der Welt in Berührung kommt, wird er ein großer Herrscher werden und all eure Wünsche
erfüllen. Sollte er aber das Leidbringende aller bedingten Zustände wahrnehmen, wird er alles
verlassen und eine ganz neue Dimension in die Welt bringen.“ Die Eltern beschlossen daraufhin, ihn
innerhalb des Palastes in einer künstlichen Welt großzuziehen, in der es nur Jugend, Schönheit,
Vergnügen und freudvolle Erlebnisse gab.
Er genoss eine umfassende Ausbildung in allen Wissenschaften,
Künsten und Sport – und als Mitglied der Kriegerkaste auch in der Kampfkunst. In allen Disziplinen
glänzte er durch hervorragende Begabung. Er war feinsinnig, mutig und stark zugleich. Bei seinen
wenigen Ausflügen in die „normale“ Welt wurde alles so vorbereitet, dass er nur junge, gesunde und
glückliche Menschen sah. So wuchs der junge Prinz in seiner Luxuswelt heran, genoss das Leben,
heiratete und bekam einen Sohn.
Dies währte bis zu seinem 29. Lebensjahr, als er bei
heimlichen Ausflügen die Schattenseiten des Lebens kennen lernte. An drei aufeinander folgenden
Tagen sah er einen schwer kranken Menschen, einen Alten und einen Toten. Woran man sich sonst ganz
allmählich gewöhnt, traf ihn ganz unvorbereitet und erschütterte ihn zutiefst. Er musste plötzlich
verstehen, dass weltliche Freuden, Schönheit, Kraft und Jugend bedingt und vergänglich sind.
Daraufhin kehrte er in seinen Palast zurück, doch nichts konnte ihn mehr erfreuen, und er suchte
nach einem Ausweg.
Am nächsten Tag machte er eine weitere Erfahrung, die sein
Leben prägen sollte. Er sah einen Mann mit glücklichem, zufriedenem Gesichtsausdruck in tiefer
Meditation sitzen und verstand, dass wirkliche Freiheit nur im eigenen Geist zu finden ist. Zu
dieser Einsicht vorzudringen, schien ihm im Rahmen seines gesellschaftlichen Lebens jedoch
unmöglich, und er beschloss, sein Prinzendasein zu verlassen. Er schnitt sein langes Haar, das
Zeichen seiner adligen Abstammung, zog hinaus in die Wälder und studierte bei vielen Lehrern seiner
Zeit. Obwohl er schnell lernte und seine Lehrer oft übertraf, konnte ihn keine ihrer Methoden
jenseits begrenzter, vergänglicher Erfahrungen führen.
Sechs Jahre lang widmete er sich der Askese. Getragen vom
tiefen Wunsch nach Erleuchtung zum Besten aller Wesen, ließ er keine Möglichkeit aus, die ihn dem
Ziel näher bringen könnte. So schloss er sich einer Gruppe von fünf Asketen an, die in den Wäldern
beim heutigen Bodhgaya lebten. Nachdem er als Prinz alle Freuden des Körpers und der Sinne erfahren
hatte, glaubte er jetzt, Sinneseindrücke seien ein Hindernis und ihre Unterdrückung führe zu mehr
geistiger Klarheit. So übte er sich in völliger Entsagung und hätte sich dabei fast zu Tode
gehungert.
Schließlich sah er jedoch ein, dass die Askese nicht nur den
Körper, sondern auch seinen Geist schwächte und ihn dem Ziel nicht näher brachte. Diese Erfahrung
war ein weiterer Wendepunkt in seinem Leben – seine Abkehr von den Extremen. Nachdem Siddharta
wieder zu Kräften gekommen war, setzte er sich in den Schatten des bekannten Bodhibaumes und
schwor, diese Stelle nicht wieder zu verlassen bis er eine absolute Ebene von Erfahrung
verwirklicht hätte. Er saß sechs Tage und Nächte in tiefer Meditation. Seine Versenkung war so
unerschütterlich, dass weder äußere noch innere Ablenkungen ihn stören konnten.
In der Morgendämmerung des siebten Tages, des Vollmonds im
Mai, erlangte er im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung und wurde zum Buddha, dem Erwachten. Auf
Tibetisch Sangye genannt, bedeutet dies: vollkommene Reinigung von allen Schleiern der Unwissenheit
(Sang) und völlige Entfaltung aller dem Geist innewohnenden Eigenschaften (Gye). Die Erde „als
Zeuge für das Setzen der Ursachen seiner Erleuchtung“ anrufend, berührte er mit den Fingerspitzen
der rechten Hand den Boden. Als Statue wird er oft in dieser Erdberührungsgeste dargestellt, dem
Symbol für Buddhas auf Mitgefühl und Weisheit gegründete Handlungen zum Wohl der Lebewesen und die
vollkommene Erleuchtung – die Erfahrung vom furchtlosen, freudvollen und liebevollen Raum des
Geistes.
Noch sieben Wochen verblieb Buddha in Meditation unter dem
Bodhibaum. Für ihn gab es weder etwas aufzugeben noch etwas zu erlangen. „Höchste Wahrheit ist
höchste Freude“, heißt es in den Diamantweg-Belehrungen des Tibetischen Buddhismus. Im Wald nahe
Benares (Varanasi) begegneten ihm seine früheren Mitpraktizierenden, die fünf Asketen. Sie mochten
ihn nicht mehr und beschimpften ihn, dass er weltlich geworden wäre. Als sie ihm näher kamen,
wurden sie jedoch von seiner Ausstrahlung angezogen und verstanden, dass etwas Besonderes mit ihm
geschehen war. Sie wurden neugierig, baten ihn um Erklärungen, und Buddha lehrte über die Vier
edlen Wahrheiten als Grundlage, Weg und Ziel zu Befreiung und Erleuchtung.
Mehr und mehr entfaltete Buddha das Dharma, die buddhistische
Lehre. Schon in den ersten drei Monaten, während er im Wald von Benares weilte, wuchs die
Gemeinschaft seiner Schüler, die Sangha, rasch heran. Unüblich für die Zeit war ihre gemischte
Zusammensetzung quer durch alle Schichten des Volkes: Könige, Kaufleute und Bettler gehörten zu den
Schülern Buddhas. Das Kastenwesen hatte in der Sangha keine Bedeutung.
Von nun an zog Buddha 45 Jahre lang lehrend durch Nordindien,
meist umgeben von mitreisenden Schülern. Mehrere Zentren kristallisierten sich heraus, an denen er
sich häufiger aufhielt und besondere Belehrungen gab. Der Wald von Benares ist vor allem mit den
Lektionen des „ersten Zyklus“ verbunden, aus denen historisch die Schulen des Theravada entstanden.
Am „Geierhügel“ in Rajgir gab er vor allem die Belehrungen des Großen Weges über Mitgefühl und
Weisheit (zweiter Zyklus); in Shravasti (im Königreich Magadha) und Vaishali schließlich den
Diamantweg mit den Erklärungen über die Natur des Geistes (dritter Zyklus).
Obwohl Buddha und seine Schüler niemals missionierten,
breitete sich die neue Lehre rasch in Nordindien aus. Die Verbreitung folgte dem Bild: „Wo ein See
ist, kommen die Schwäne“ im Sinne von Angebot und freier Nachfrage. Natürlich wurde die neue
Bewegung auch angefeindet von religiösen Neidern ebenso wie von solchen, die gesellschaftlichen
Umsturz befürchteten. Schließlich akzeptierte der Buddha das Kastenwesen nicht und nahm Frauen als
Nonnen in die Ordensgemeinschaft auf, außerdem entsprach er mit seinen Aussagen zu Ursache und
Wirkung (Karma) für viele keineswegs dem Anspruch der „political correctness“.
Die Regenzeiten verbrachten Buddha und seine Schüler in
Zurückgezogenheit mit intensiver Meditationspraxis, während die anderen Zeiten des Jahres für
Reisen und Lehrtätigkeit genutzt wurden. In 45 Jahren gab er 84.000 Belehrungen, die heute in den
108 Bänden des Kanjur überliefert sind. Als Buddha im Alter von 80 Jahren in dem kleinen Dorf
Kushinagara– nicht weit von seinem Geburtsort – in der Nacht zum Vollmond im Mai an einer
Lebensmittelvergiftung starb, sollen seine letzten Worte gewesen sein:
„Jetzt kann ich glücklich sterben. Ich habe keine einzige
Belehrung in einer geschlossenen Hand gehalten. Alles, was euch nützt, habe ich schon gegeben.“ Und
zu allerletzt: „Glaubt mir nichts, nur weil ich Buddha bin, sondern prüft, ob es eurer Erfahrung
entspricht. Seid euer eigenes Licht.“
Nach Buddhas Tod wurden seine Lehrreden im Konzil von Rajgir
zusammengetragen. 500 verwirklichte Praktizierende versammelten sich, um die bis dahin oft in
Versform erinnerten und übertragenen Lehrreden niederzuschreiben. So beginnt jedes Sutra mit den
Worten „So habe ich es gehört...“ und nennt einleitend den Ort, die Zuhörer, Anlass und Umstände
der Belehrung.
Auf diese Weise wurde die Lehre Buddhas für die Zukunft
bewahrt. Die Belehrungen des Großen Wegs und des Diamantwegs wurden zu dieser Zeit noch nicht
veröffentlicht, weil sie für fortgeschrittene Schüler bestimmt waren. Sie wurden unter den
Praktizierenden weitgehend mündlich übertragen.
|