Buddhismus und Gesellschaft
Mit freundlicher Genehmigung von www-buddhismus-schule.de
 
Anhand dreier Beispiele zeigt dieses Kapitel, wie unterschiedliche Gesellschaften und Kulturen den Buddhismus prägten. 
 

Der Buddhismus beinhaltet ein Wissen und eine Erfahrung, die zeitlos und unabhängig von einer bestimmten Kultur ist. Deswegen konnte sich der Buddhismus auch in so vielen verschiedenen Ländern verbreiten, wie z.B. in Indien, Iran, Sri Lanka, Thailand, Burma (Myanmar), Vietnam, Kambodscha, Laos, Indonesien, Bali, China, Japan, Vietnam, Korea, Tibet und der Mongolei. Seit Ende des 19. Jh. und verstärkt seit den 60er Jahren des 20. Jh. interessieren sich immer mehr Menschen aus dem Westen für den Buddhismus, sei es in Europa, Nordamerika oder Australien.

Wie sich diese zeitlos gültige Wahrheit der buddhistischen Lehre praktisch ausdrückte, hing jedoch von den verschiedenen Kulturen ab. Dies kann man bereits an den unterschiedlichen Stilen erkennen, in denen Buddhastatuen oder -gemälde hergestellt wurden. Auch wenn die Maße für den Körper des Buddha genau festgelegt waren, hatten die Künstler doch eine gewisse Freiheit der Ausgestaltung.

Davon abgesehen hatten verschiedene Länder auch Interesse an unterschiedlichen Formen des Buddhismus. Buddha hatte insgesamt 84.000 verschiedene Belehrungen gegeben, so dass für jeden etwas dabei war. Er gab im Großen und Ganzen drei verschiedene Arten von Lehrzyklen, die zum Theravada-Buddhismus, zum Buddhismus des Großen Weges und Diamantweges führten. Während sich in Indien und in den südostasiatischen Ländern der Theravada-Buddhismus verbreitete, der vor allem das Augenmerk auf die Befreiung von persönlichem Leid legt, wurde in den nordostasiatischen Ländern der Große Weg praktiziert, das Mitgefühl und Weisheit betont. In Tibet schließlich und seit neuerem auch vermehrt im Westen konnte sich der Diamantweg Buddhismus etablieren, der direkt auf die
Buddha-Natur und ihre Erkenntnis abzielt.

Drei Beispiele sollen den Einfluss verdeutlichen, den die politischen und gesellschaftlichen Strukturen der verschiedenen Kulturen auf den Buddhismus hatten.

Beispiel 1: Indien zur Zeit Buddhas
Als Buddha in Indien erleuchtet wurde, herrschte dort das hinduistische Kastenwesen, und Frauen wurden geringer geschätzt als Männer. Als Buddha zu lehren begann, kamen zuerst Brahmanen zu ihm, die er dann als Mönche in seine Glaubensgemeinschaft aufnahm. Später kamen auch Männer aus anderen Kasten, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war, denn es bedeutete, dass Buddha das Kastensystem innerhalb seiner Gemeinschaft abschaffte. Schließlich wollten auch Frauen erleuchtet werden, aber ihre Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft war nahezu undenkbar. Um die Frauen zu schützen und ihnen die buddhistische Praxis überhaupt zu ermöglichen, konnten sie zwar Nonnen werden, mussten aber ungleich mehr Regeln als die Mönche befolgen (vgl. die Buchbiographie von Thich Nhat Hanh, 1992). Manchmal wird heute behauptet, Buddha sei frauenfeindlich gewesen, aber mit einem Verständnis der damaligen Zeit erscheint Buddha als jemand, der die Möglichkeiten, die eine bestimmte Kultur bot, so weit wie möglich ausschöpfte.

Beispiel 2: Buddhismus in Tibet
In Tibet gab es drei Gruppen von Praktizierenden. Die ersten waren die Mönche und Nonnen. Von jeder Familie wurde ein Kind in ein Kloster geschickt, und die Familie unterstütztedann das Kloster mit Naturalien und anderen Gütern. Die Klöster waren damals nicht nur religiöse Ausbildungsstätten, sondern gleichzeitig Schulen, Universitäten und Verwaltungszentralen. Die Kinder lernten lesen und schreiben und mussten auswendig Gelerntes rezitieren. Die Lebensform eines Mönchs oder einer Nonne war für die buddhistische Praxis nötig, denn sonst hätte man Kinder großziehen müssen. Die zweite Gruppe der Praktizierenden waren Laien. Sie finanzierten die Klöster und praktizierten den Buddhismus meistens als tägliche kurze Wünsche oder bei besonderen Gelegenheiten, wie z.B. Festen. Die dritte Gruppe waren die Verwirklicher (Yogis), die in den Höhlen meditierten und ein enges Verhältnis zu ihren Lehrern hatten.

Allerdings wurde in Tibet die buddhistische Lehre auch zu politischen Zwecken missbraucht. Zum einen hatte jeweils ein Clan die Patenschaft für ein oder mehrere Klöster übernommen und sorgte für deren wirtschaftliches Wohlergehen. Dafür wurde andererseits die Auffindung wichtiger Inkarnationen innerhalb des Clans erwartet und natürlich auch politische Unterstützung im Kampf um die Vorherrschaft über die jeweilige Region. Zum anderen erkannten auch mongolische und chinesische Führer die Bedeutung der Klöster für die Beherrschung Tibets und verstanden es, die Lamas für ihre Ziele zu instrumentalisieren.

Wie auch bei uns im Mittelalter, waren damals in Tibet politische und religiöse Macht nicht getrennt. Der Feudalismus der damaligen Zeit brachte strenge hierarchische Strukturen auch in den Klöstern mit sich. Die Höhe des Throns, auf dem ein Lama saß, zählte meist mehr als seine spirituelle Verwirklichung. In der Mitte des 17. Jh. etablierte sich schließlich die Herrschaft des Dalai Lama mithilfe der Mongolen über ganz Tibet. Bis zur Machtergreifung durch die Chinesen war der Dalai Lama sowohl politisches Oberhaupt Tibets als auch einer der ranghöchsten Lamas der Gelugpa-Schule, einer der vier Hauptschulen des Tibetischen Buddhismus.

Beispiel 3: Buddhismus im Westen
In unseren westlichen Demokratien sind Staat und Kirche getrennt, so dass religiöse Gemeinschaften relativ unabhängig sind. Da man in unserer Zeit dank Geburtenkontrolle und Kindertagesstätten auch Buddhismus praktizieren kann, ohne Mönch oder Nonne zu sein, ist der Aufenthalt im Kloster nicht nötig. Die buddhistische Meditationspraxis findet in der Freizeit statt, und das buddhistische Zentrum vor Ort hält den Kraftkreis des Lamas, so dass man sich auch ohne den ständigen Kontakt zum Lehrer weiterentwickeln kann. Von festen Meditationszeiten abgesehen, besteht die buddhistische Praxis in der alltäglichen Umsetzung des Gelernten und Erfahrenen.